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Was ist Anthroposophie ?

Werkbetrachtung und Tango

Rückblick zur anthroposophischen Hochschulwoche 2005 für Studierende am Goetheanum

»Bis heute gibt es keine ausreichende Werkbetrachtung zu Rudolf Steiner.« Mit diesem Gedanken eröffnete Cornelius Bohlen, Präsident der Rudolf Steiner Nachlassverwaltung, die öffentliche Abendvortragsreihe der anthroposophischen Hochschulwoche. Mit Blick auf den Dreier-Zyklus von Rudolf Steiner »Anthroposophie, Psychosophie und Pneumatosophie« wagte er einen grundsätzlichen Überblick zu Rudolf Steiners Schaffen. An den folgenden Abenden stellten sich fünf weitere hervorragende Redner der Frage "Was ist Anthroposophie?". Ausgehend von der ersten Wurzelfrage der Philosophie der Freiheit entwickelte Roland Halfen die Anthroposophie als Anschauungskunst. Er verwies auf feinere Schichten der Wahrnehmung und auf ein phantasievolles Verhalten im gegenseitigen Umgang; »Wenn Rudolf Steiner jetzt zur Tür hereinkäme, wären Sie ihm nicht so nah, als wenn sie seine Schriften lesen«. Am Folgeabend widmete Karen Swassjan seine intensive Denktätigkeit der menschlichen Erkenntnisfähigkeit als Voraussetzung der Anthroposophie. Äußerst humorvoll und treffend schilderte er den gegenwärtigen Universitätsbetrieb »Es wird über mich gesprochen, also bin ich.«. Menschlich integer und reich an Feingefühl, stellte Thomas Georges Meier Elemente des buddhistischen achtgliedrigen Pfades in den Kontext anthroposophischer Jahrsiebt-Auffassungen. Mit kräftigen Worten führte Sergej Prokofieff die Aufmerksamkeit in den Spiegelcharakter des Gehirns gegenüber dem Denken. Sein Bogen steigerte west-östliche Weltgegensätzlichkeit in das Christusereignis und seiner Entfaltung in der Geisteswissenschaft. Abschließend sprach Walter Kugler unter dem Titel »Anthroposophie als spiritueller Weg in die Materie« über Willensumwendung, Erkenntniserfahrung und das Miterleben des Zeitenschicksals, »Wieviele Gegenwartsphilosophen kennen Sie?«.

Diese gelungene Komposition von Geistern und Gesichtspunkten bildete einen vielschichtigen Kern für die Arbeitswoche. Neun Studenten verschiedenster Ausrichtung hatten sich zur Vorbereitung der Woche zusammengetan. Andrej Schindler rief sie zusammen, um ein Forum für anthroposophisch interessierte Studenten zu bilden. Er knüpfte damit an eine seit 8 Jahren bestehende Tagungs-Initiative an, die im Vorjahr unterbrochen und nur in kleinen Gruppen gepflegt wurde. Mit 30 Tagungsteilnehmern aus Deutschland und der Schweiz verzeichneten sie einen guten Zuwachs gegenüber den Vorjahren. Die öffentlichen Vorträge wurden mit etwa 50 bis 100 Gästen gut besucht. Ermöglicht wurde die Woche von der Male-Stiftung, der Zukunftsstiftung Bildung, dem Goetheanum, der Jugendsektion und dem Rudolf Steiner Archiv.

Am Morgen, nach dem spontan entstandenem Meditationskurs zum reinen Denken mit Renatus Ziegler, teilte sich die Tagungsgemeinschaft in drei Arbeitsgruppen. Wolfgang Held besorgte eine Einführung in die spirituelle Planethologie. Thomas Georges Meier erarbeitete mit einer Gruppe Studenten aus verschiedensten Fachrichtungen, die Grundschritte des Achtgliedrigen Pfades. Und Roland Halfen leitete Übungen zur Kunsterkenntnis in den Basler Museen und im Rudolf Steiner Archiv. Fünf Tage genügten um eine Ahnung der Dimension spiritueller Planethologie zu gewinnen. Mit einhelliger Begeisterung schaute die Arbeitsgruppe von Thomas Meier auf eine Fortsetzung der Arbeit. Die Arbeit mit Roland Halfen wurde als elementare Bereicherung empfunden und die betrachteten Bilder als neue Freunde bezeichnet.

Die zweite gemeinsame, halböffentliche Arbeit gestaltete sich am Nachmittag entlang der Frage nach dem Studium. Unter dem Arbeitstitel »Inspiration der Universität« sprach Heinz Zimmermann über die scholastische Universität als Ausgangspunkt des universitären Selbstverständnisses. Sehr persönlich berichtete er von seiner Studienzeit, in der noch viel weitere menschliche Gesten üblich waren und die Einschnürung durch industrielle Interessen und staatliche Formalien weiter im Hintergrund standen. Am Dienstag eröffnete Christiane Haid mit dem Beitrag »Grenzorte der Erkenntnis« ein sehr angeregtes Gespräch zur aktuellen Studiensituation. Jens Göken, der Anfang der 90er Jahre die Universität hinter sich gelassen hat, berichtete von seinem Ringen, die chronologisch starren Wissensgebäude in eine lebendige Organik umzugestalten. Der Beitrag von Walter Kugler behandelte die freie Hochschule für Geisteswissenschaft im Hinblick auf ihren Ursprung in der Esoterischen Schule Rudolf Steiners der Vorkriegszeit und ihrem Münden in der akademischen Bewegung ab 1918. Er verwies auf die Klassenstunden als Inspirationsquell für alle Lebensgebiete. Im Plenum wurde die Frage nach dem Begriff der Wissenschaftlichkeit und Rudolf Steiners Wissenschaftsbegriff angerissen.

Die Abende wurden mit einem sehr gelungenen und begehrten Tango-Einführungskurs gerundet. Thomas Rieser(www.nou-berlin.de) und seine Frau Erin entwickelten jeden Abend weiterführende Grundlagen für etwa 20 Paare. Im Laufe der Woche wurden so aus unsicheren Anfängern Tänzer, die sich beschwingt zum Tango Nuevo bewegten.

Im Ganzen war die Woche ein kräftiger Auftakt für eine neue Phase studentisch-anthroposophischer Arbeit. Es ist angedacht, die Abendvorträge schriftlich zu veröffentlichen. Das hervorragende Niveau der Beiträge, der komplikationslose Ablauf der Gesamttagung und die hohe Arbeitsbereitschaft der Teilnehmer macht auf eine würdige Fortsetzung im nächsten Jahr gespannt. Vom 3. bis 9. September 2005 heißt es vielleicht »Wer ist Rudolf Steiner?«.

Philipp Tok