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Buddhismus und Psychologie

Der Buddhismus – Kurs beschäftigte sich mit dem achtgliedrigen Pfad, seinem inneren Aufbau und seinen Auswirkungen auf die menschliche Seele. Im folgenden werden einige inhaltliche Ergebnisse der Arbeitswoche wiedergegeben.

Zunächst kann ein grosser Unterschied ins Auge fallen, wenn man den Buddhismus dem Christentum gegenüberstellt. Denn im Mittelpunkt des Buddhismus steht die Lehre, die vom Leiden und vom Pfad der befreienden Erkenntnis. Im Mittelpunkt des Christentums hingegen die Tat, die Erlösungstat von Golgatha. - Buddha hinterlässt die Norm (den Pfad) als einen Weg, den jeder gehen kann. Er gipfelt in dem Austritt aus dem „Rad des Lebens“ und in dem Eingang in das Nirvana. Von Seiten des Christentums lautet das Ziel nicht „Aufhebung des Leidens“ sondern das Kreuz auf sich nehmen und das Leid des Irdischen tragen um mit Christus auferstehen zu können.

Auf den zweiten Blick aber findet sich auf einer höheren Ebene eine grosse Gemeinsamkeit: der Weg der Mitte. Während der achtgliedrige Pfad zwischen den Fronten von Askese und Sinneslust durchführt so weist auch das „moderne Christentum“ zwischen Ahriman und Lucifer seinen Weg. [ Rudolf Steiner äussert sich einmal folgendermassen über den Buddhistischen Weg: „Wenn ich alles beobachte, was im achtgliedrigen Pfade gesagt wird, dann wird mein Ich das denkbar vollkommenste werden, denn alles geht auf die Läuterung und Veredelung des Ich; alles, was aus diesem wunderbaren achtgliedrigen Pfad herausstrahlen kann, soll sich sozusagen in uns hineinarbeiten, alles ist Arbeit unseres Ich an seiner Vervollkommnung.“

Der erste Pfad oder der erste der acht „seelischen Vorgänge“ betrifft nun die Vorstellungs- und Gedankenbildung. Es kommt darauf an, sich nicht zufällig oder versehentlich eine Meinung über einen Sachverhalt zu bilden, sondern gerade diesen Prozess so bewusst wie möglich zu lenken. Das bedeutet in erster Linie sich in rechter Betrachtung, in richtiger, exakter Beobachtung zu üben, oder anders formuliert die Dinge so hin- und wahrzunehmen wie sie sind. Wird die Begriffsbildung unachtsam vollzogen, so sind nicht nur Fehlurteile und Fehleinschätzungen die mögliche Folge; ja das ganze Leben steht auf einem wackeligen Boden, der nicht erkannt ist. So kann kein Vertrauen in die Welt entstehen und die Folgen für die Alltagstauglichkeit brauchen gar nicht weiter ausgeführt zu werden. So konkret und lebenspraktisch kann also dieser erste Pfad (sowie alle weiteren) verstanden werden. Die Aufmerksamkeit liegt hier zum grössten Teil in der Aussenwelt und ein Blick auf die Seelenglieder legt nahe, dass hier vor allem das Wollen angesprochen ist.

Der zweite Vorgang richtet sich auf die menschliche Entschlusskraft. Hier gilt es nicht nur bei wichtigen Entscheidungen bedeutsame Gründe für oder gegen eine Handlung zu haben, sondern im Gegenteil sich zu jeder noch so kleinen Handlung bewusst zu entschliessen. Die Wirkungen einer gestärkten Entschlusskraft sind leicht ins Auge zu fassen: ich bin mir über die Konsequenzen meines Entschlusses bewusst und werde weniger über die Folgen meiner Handlungen überrascht sein. Ich lerne Entscheidungen treffen, deren Konsequenzen ich zu tragen in der Lage bin. Ja, ich lerne das Verhältnis kennen, wie sich meine Fähigkeiten zu den Ansprüchen der Aussenwelt verhalten. In der Folge kann ich Verantwortung in der Welt übernehmen und Situationen aufsuchen, von welchen ich optimal gefordert werde. So mache ich mich selbst tauglich für die Welt und umgekehrt tauge ich mehr für die Welt. Wenn ich bewusste, ich-hafte Entscheidungen treffe, werde ich nicht für unbewusste, ent-ich-te, gerade stehen müssen, deren Folgen mir vielleicht völlig unbekannt sind, wie das etwa beim Autofahren im angetrunkenen Zustand der Fall sein kann. Ich werde direkter Gestalter meines Lebens. Das sind Dinge, die unmittelbar mit dem zweiten Pfad zu tun haben. Ein Blick auf die Seelenglieder verrät hier, dass das abwägende Fühlen im Vordergrund steht, welches ausschlaggebend ist für die rechte Entscheidung.

Beim dritten Vorgang geht es um das Reden. Hier soll nur dasjenige ausgedrückt werden, was Sinn und Bedeutung hat. Reden als Selbstzweck, als Zeitvertreib, soll vermieden werden. Doch geht es dabei nicht darum, zu wenig Worte zu machen, und sich von Gesprächen auszuschliessen. Gerade beim Reden soll man lernen das richtige Mass an Worten zu finden. – Hier scheint vor allem das Denken beansprucht zu werden, wollen die Gedanken doch zuerst geordnet sein, bevor sie geäussert werden. Ausserdem lernt man das Reden als Mittel einzusetzen, sich selbst mitzuteilen und dieses zu unterscheiden von der reinen Lust am Reden. Ein zweifaches klingt hier mit: einerseits entwickelt man durch gezieltes Einsetzen der Sprache eine höhere Kontrolle über sich selbst, andererseits muss man im Voraus Bedeutendes von Unbedeutendem getrennt haben. Stufe zwei muss also beherrscht werden, um Stufe drei in der richtigen Weise praktizieren zu können.

Der vierte Vorgang bezieht sich auf die äusseren Handlungen. Es soll versucht werden, die eigenen Handlungen so zu vollziehen, dass sie einerseits zum äusseren Geschehen passen, andererseits mit der eigenen Lebenslage in Harmonie sind. Ausserdem kommt es darauf an, die Wirkungen des eigenen Handelns gründlich abzuwägen. – Der erneute Blick auf die Seelenglieder macht deutlich, dass an dieser Stelle alle Teilbereiche des Seelenlebens angesprochen und gefragt sind. So wollen die Zusammenhänge in der Aussenwelt erst gesehen und verstanden werden, bevor eigenes Schaffen einsetzt, ein Taktgefühl will erst entwickelt sein, um die Stimmigkeit des Handelns zu gewährleisten, und die eigenen Fähigkeiten wollen erst erkannt sein um die Wirkungen des eigenen Tuns abschätzen zu können. In diesem Sinne kann auch Rudolf Steiners Grundmaxime des freien Menschen verstanden werden: „Leben in der Liebe zum Handeln und Lebenlassen im Verständnisse des fremden Wollens“. - Abirrungen und Einseitigkeiten lauern jedoch an jedem Wegrand, so auch bei diesem Pfad. Eine mögliche Gefahr besteht hier darin, das ‚Eigene’ der Aussenwelt aufzudrängen und so lediglich sich selbst wahrzunehmen; oder umgekehrt sich selbst in der Welt so zu verlieren, dass Selbstaufgabe die Folge ist. Einmal mehr ist also der Weg der Mitte gefragt.

Der fünfte Vorgang nimmt die Einrichtung des ganzen Lebens in den Fokus. Man soll versuchen natur- und geistgemäss zu leben; nichts zu überhasten und nichts zu locker zu nehmen. Diese Anweisungen sind wie eine Erweiterung der letzten Stufe auf das ganze Leben. Noch mehr als in den Stufen zuvor sind hier Taten gefragt, die aus dem ‚Ich’ heraus vollzogen werden. Im fünften Pfad ist das Zusammenspiel der Seelenglieder enger geworden, wobei das Denken etwas in den Vordergrund tritt. Denkend bilde ich mir eine Lebensidee, der ich zu folgen gedenke.

Beim sechsten Vorgang geht es um das menschliche Streben. Vieles davon ist schon im zweiten Pfad angelegt und wird hier explizit zur Pflicht. Fähigkeiten sollen geprüft werden und das Verhalten danach ausgerichtet. Nichts soll getan werden, was ausserhalb der eigenen Kräfte liegt und umgekehrt nichts unterlassen werden, was im Rahmen derselben liegt. Daneben sollte man Ziele vor Augen haben, die mit den „grossen Pflichten“ eines Menschen zusammenhängen. Augustinus steht an dieser Stelle mit einem Gebet zur Seite: „Gott gebe mir die Gelassenheit, dasjenige hinzunehmen, was ich nicht verändern kann, er gebe mir den Mut, das zu verändern was ich verändern kann, und er gebe mir die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“ – Es geht nun mehr als zuvor darum, sich des eigenen Verhältnisses zur Welt bewusst zu werden. Denn dieses Verhältnis bildet gleichzeitig die Grundlage für ein adäquates Handlungsideal; für ein solches, welches nicht von aussen aufgesetzt ist. Die Gefahren und Chancen für Fehltritte sind auch hier mannigfaltig. So kann ich mir beispielsweise die Frage stellen, ob ein Ideal noch lebendig in mir lebt, oder ob es mich schon zur Geisel genommen hat. Vergleichen wir den Pfad mit den Seelengliedern, so hebt sich das Empfinden hervor: mit leiser Stimme gibt es den Ton an und erspürt die Stimmigkeit des richtigen Strebens.

Der siebte Vorgang betrifft das Vorhaben, möglichst viel vom Leben zu lernen. Nichts soll an einem vorübergehen, ohne dass man wenigstens Notiz davon nimmt. Alles Wahrgenommene und Erfahrene soll nützlich werden für das Leben indem es bei Entschlüssen und Handlungen berücksichtigt wird. So wird alles, was um mich herum geschieht, wichtig. Dadurch mache ich mich ein Stück unabhängiger von der Welt. Nicht mehr Lust und Unlust geben Auskunft über den Wert meines Lebens, sondern wie viel ich zu lernen vermag. Wenn es mir nicht gelingt, aus gemachten

Erfahrungen zu lernen, sprich wenn ich Fehler mehrmals begehe, dann wird mir dies zum Lernantrieb es das nächste Mal besser zu machen. Unschwer ist zu erkennen, dass es vor allem der Wille ist, der hier angesprochen wird. Es bedarf jedoch ebenso dem strukturierenden Denken und dem tragenden Fühlen um umfassend zu lernen.

Der achte Vorgang betrifft die Meditation. Dabei soll man seine Lebensgrundsätze bilden und diese prüfen. Man soll sich über seine Kenntnisse und seine Unvollkommenheiten klar werden, sowie über den Zweck des Lebens nachdenken. Letztlich geht es darum, das Wesentliche, das Bleibende herauszufinden und sich entsprechende Ziele, zum Beispiel neue Tugenden, ernsthaft vorzunehmen.

Bezieht man den Pfad auf weitere Lebensbereiche, so lassen sich die Qualitäten der einzelnen Stufen wiederentdecken. Die Tonleiter sei hier als Beispiel angeführt. So drücken die einzelnen Intervalle in anderer Form die Spannung aus, die auch in den entsprechenden Stufen des Pfades verborgen liegt.

Wenn wir nun unseren Astralleib zu einem Produkt des achtgliedrigen Pfades gemacht haben, wissen wir wirklich über die Bedeutung dieser Lehre bescheid. Wir haben sie dann erfahren. Und erst dann können wir ein tieferes Verständnis dafür entwickeln, was es heisst, die ‚Weisheit von der Liebe und vom Mitleid’ von Buddha erhalten zu haben. Zur allgemeinen Entlastung sei (aus okkulter Quelle übermittelt) angeführt, dass die meisten Menschen erst in etwa 3000 Jahren so weit sein werden, dass sie aus eigener Kraft, aus der eigenen Seele heraus, die Weisheit des Buddha entwickeln können. Um dies zu erreichen, müssen wir uns aber heute schon auf den Weg machen.

Georg Saltzwedel