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Reines Denken und die Nebenübungen

Ein Meditationskurs, geleitet von Renatus Ziegler

Eine Grunddifferenz der Steiner-Liebhaber zieht man üblicher weise anhand der zwei Bücher Philosophie der Freiheit und Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?. Die dem ersteren nachfolgenden sind diejenigen, die nach dem reinen Denken und dessen Gebrauch streben und ein Eindringen in die höheren Welten ohne diese Voraussetzung wenn nicht ablehnen, so doch als unwissenschaftlich erachten. Die anderen sind Anhänger der Meditation, die sich vor Pflanzen setzen oder das Rosenkreuz in ihrer Versenkung imaginieren und die sich dem Geist näher fühlen als die sich nur im Ideenbereich aufhaltenden Denker.

So ist das natürlich überspitzt, aber ein Fünkchen Wahrheit findet sich wie immer auch darin. Jedenfalls ist in einem Gespräch über dieses Thema, d.i. genauer gefasst über die Charakteristik der unterschiedlichen anthroposophischen Schulungswege und deren Ergänzung oder Differenz, von Renatus Ziegler die Behauptung aufgestellt worden, das reine Denken fasse bereits einige wesentliche Aspekte der so genannten sechs Nebenübungen in sich.

In dem ‚Meditations’kreis vor den Fachkursen fand nun an fünf Tagen während der Hochschulwoche, von Renatus Ziegler geführt, eine Hinleitung zum reinen Denken statt. Gegliedert wurde die Hinführung durch die ersten fünf Nebenübungen, von denen täglich eine kurz dargestellt und ihre Beziehung zum reinen Denken erläutert wurde. So sollte der Kurs gleichzeitig eine Bestätigung der obigen Behauptung sein.

Erster Schritt.

Die Qualität der ersten Nebenübung besteht in der Gedankenkontrolle. Man nehme sich das Vorstellungsbild eines sinnlichen Gegenstandes und mache sich fünf Minuten, oder auch länger – jedenfalls in einem vorher festgesetzten Zeitraum, Gedanken über diesen. Dabei ist darauf zu achten, dass die Vorstellungen nicht irrlichterlieren, sondern sich ein Gedanke aus dem vorherigen ergibt. Es kommt bei dieser Übung darauf an, dass man selbst die Richtung des Denkens vorgibt und damit nicht wie im Alltag von den zufälligen Wahrnehmungen und Assoziationen geleitet wird. Deswegen ist es auch nicht so wichtig, was genau gedacht wird. Die Kraft, die aufgewendet wird, zählt.

Der Gegenstand, den man sich vorgibt, ist beliebig, oftmals ein Bleistift, Nadel oder ähnliches. Man sollte allerdings eher ein Ding wählen, über das nachzudenken man weniger Interesse hat. So muß der Wille zum Nachdenken ganz aus einem selbst kommen. Nun, suchen wir uns einen Gegenstand und machen die Übung!

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Gut, wie ist es gelaufen? Wo lagen die Schwierigkeiten, wo der Spaß und die Freude? Das größte Problem ist wahrscheinlich die Ablenkung. Die Gedanken schweifen ab, man merkt es nicht. Oder Sachen drängen sich hartnäckig auf, zum Beispiel Dinge, die man noch erledigen will.

Klappt es dann aber auch mit der Gedankenentwicklung, kann man auf einen besonderen Punkt aufmerksam werden. Nachdem ein Gedanke zu Ende ist und noch nicht weiter gedacht wurde, weiß man nicht wie es weiter gehen soll. Man ist in der Schwebe, denn der alte Gedanke ist schon vorbei, der nächste noch nicht da. Wird er kommen? Kann ich ihn (ab)holen? Diesen Zustand gilt es auszuhalten. Denn besteht man ihn, hat man etwas sehr wertvolles gefunden.

Jetzt erweitern wir die Übung um eine wesentliche Stufe. Wir haben von einer Erinnerungsvorstellung ausgehend versucht, aus dem gegenwärtigen Gedanken den folgenden herausgehen zu lassen. Nun wollen wir die Erinnerungsvorstellung aufheben. Man denke sich jetzt nur die Form eines Gegenstandes, zum Beispiel einen Kreis oder eine Kreisscheibe, statt eines Rades vorher. Und diese Form lasse man im Raum rotieren, bewege sie in alle möglichen Richtungen und vergrößere und verkleinere sie beliebig. Man wird sich so manche Bilder vorstellen, die man nicht aus der Erinnerung holt. Denn wie viele Kreise man schon in der äußeren Welt erfahren hat, man kann sich immer noch neue und andere einbilden. Man übernimmt nun selbst mithilfe des Gesetzes des Kreises, die Gestaltung der Vorstellung. Machen wir sie!

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Wie war es? Hat es funktioniert? Vielleicht ist Ihnen der Kreis manchmal abhanden gekommen, wollte sich nicht ganz zeigen oder hatte eine Delle. Sie merken, man muß selbst tätiger werden, weil man vor allem selbst den Kreis erzeugen und verändern muß. Damit haben wir uns aber gleichzeitig ein Stück weiter von den Sinneseindrücken – hier in Gestalt der Erinnerungsbilder – gelöst.

Zweiter Schritt.

Wir knüpfen an die zweite Übung von gestern an und erweitern sie. Man stelle sich wieder einen Kreis vor und variiere ihn. Zusätzlich kann man diesmal darauf achten, was bei den ganzen Veränderungen eigentlich gleich bleibt. Los geht’s!

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Nun, die Schwierigkeiten waren vermutlich erstmal dieselben. Aber man scheue sich nicht vor dem Versagen. Vielleicht schweift man lange ab, und der Kreis will nicht so, wie man ihn haben will. Man versuche es erneut und lasse sich nicht entmutigen. Gerade dieser Moment, man ist gescheitert, fängt aber wieder neu an, kann der Wichtigste der ganzen Übung werden. Insgesamt sind die hier gestellten Aufgaben ja zu bewältigen, manchmal klappen sie, manchmal nicht. Die seelische Qualität, die man so hervorbringt in sich, ist die der Handlungskontrolle; die der zweiten so genannten Nebenübung. Dies bedeutet, dass man auch tut, was man sich vorgenommen hat.

Jetzt aber zu der Frage: Was ist gleich geblieben? Vielleicht ist die innere Anstrengung die ganzen fünf Minuten gleich hoch gewesen. Vielleicht ist die Größe des Kreisdurchmessers die ganze Zeit gleich geblieben, vielleicht der Ort des Mittelpunktes, vielleicht die Position der Ebene, in der der Kreis lag, im Raum? Diese Faktoren kann man aber auch verändern. Man kann den Kreis kleiner und größer machen, ihn im Raume verschieben und nach hinten oder vorne oder seitlich kippen. Oder alles auf einmal. Und trotzdem bleibt es die ganze Zeit ein Kreis. Aber was bleibt denn gleich? Probieren Sie es nochmals!

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So, ob man die Übung versucht hat zu machen, oder nicht, – nun wird man vielleicht unsicher. Denn man hat die Vorstellungsbilder, man hat vielleicht Worte und Sätze, die man innerlich spricht, aber darüber hinaus – was soll das sein?

Die Worte und die Vorstellungen sind ja nicht ganz sinnlos. Wenn die Worte kein Gebrabbel sind, – und sie bedeuten ja vermutlich irgendetwas in Bezug auf die Aktivität des Kreise-Bildens – dann ist da noch etwas, was nicht in dem inneren Wortbild aufgeht. Dieses Nicht-Bildliche, nicht räumliche ist hier der Zielpunkt.

Man könnte es das Gesetz des Kreises nennen. Irgendwie bilden wir ja in der obigen Übung Kreise. Woran orientieren wir uns dabei? Vielleicht war für unsere Kreisbildungen leitend, dass wir eine geschlossene Linie, die überall dieselbe Krümmung hat, vorstellen wollten. Manche schauten, dass die vorgestellte Linie von einem Punkt den gleichen Abstand hatte. Letztendlich ist das letztere die übliche, aus der Schule gewohnte geometrische Definition des Kreises.

Ein Kreis ist der geometrische Ort aller Punkte einer Ebene, die zu einem (Mittel-) Punkt den gleichen Abstand haben.

Wir haben hier kein Erinnerungsbild, keine selbst gemachte Vorstellung. Es ist eine Relation, die wir ins Blickfeld rücken. Diese Beziehung ist hier zu denken zwischen einem ausgezeichneten etwas und vielen (anderen) etwasen. Also, es geht uns um die vielen ‚Dinge’, die alle in der gleichen Beziehung zu einem festen anderen ‚Ding’ stehen. Nur das Gesetz gedacht, denken wir nur die Beziehung zwischen irgendwelchen ‚Dingen’. Dazu müssen wir nicht wissen, was diese ‚Dinge’ dann in unserer Vorstellung sind, wir müssen nicht wissen, was unter Punkten zu verstehen ist oder unter Abstand oder Ebene. Dieses Kreisgesetz nun ist nicht abhängig von der Räumlichkeit. Wir treten mit ihm einen Schritt weiter aus den Kreisen des von der sinnlichen Außenwelt uns gegebenen heraus.

Die Bezeichnung reines Denken hängt damit zusammen. Denn im reinen Denken sieht man von allen sinnlichen Einflüssen ab und stellt sich ganz auf das Denken selbst. So darf man es mit Fug und Recht auch sinnlichkeitsfreies Denken nennen.

Wie wir bisher auf unserem Weg zum sinnlichkeitsfreien Denken gemerkt haben, ist, im Unterschied zum Denken, wie es im Alltag oftmals abläuft, die eigene Aktivität gefordert. Es ist für die Erfüllung der Übung ein tätiges Anschauen gefordert. Einer tut es, – oder es findet bei und für ihn nicht statt. Genau so ist es mit Handlungen, die für einen ungewohnt sind und zu denen auch keine äußeren Anregungen bestehen. Der gewichtige Unterschied ist nur, dass beim Denken die Planung des Tuns bereits dessen Durchführung ist. Man kann sich entscheiden, dann und dann eine äußere Handlung auszuführen. Beim Denken geht das nicht, denn dafür müsste man schon denken. Man hat hier kurz gesagt die Keimzelle des freien Aktes.

Insofern unser Denken eine bewusst geführte Tätigkeit ist, die nach einem konkreten Prinzip, eben dem Gesetz des reinen Denkens, gestaltet ist, üben wir mit dem reinen Denken zugleich die Kontrolle unserer Handlungen, das ist die zweite Nebenübung.

Dritter Schritt.

Man kann natürlich, wenn man die Übungen regelmäßig durchführt, sich Notizen machen. Aber das ist wie üblich eine Zeitfrage. Wichtiger wäre es, nach jedem Versuch diesen zu reflektieren. Das Objekt kann auch beliebig verändert werden. Man sollte nur bedenken, dass je länger man dasselbe benutzt, es desto langweiliger wird, und somit eine desto größere Kraftanstrengung notwendig ist für die vorher leichte Übung. Man kann sich neue Übungen mit anderen Objekten, ob Rechteck oder Dreieck, ausdenken. Genauso kann man natürlich sich auch andere, nicht nur mathematische, Sachverhalte vornehmen. So zum Beispiel die Begriffspaare Ursache-Wirkung, Inhalt-Form, Sein-Nichts oder anderes. Die mathematischen Beispiele haben einen bestimmten Vorteil. Das mathematische Denken ist die einfachste Form des reinen Denkens. Auch wenn das für manche Ohren seltsam klingen mag.

Die dritte Nebenübung hat das Thema Gleichmut. Gleichmut gegenüber Leid und Freude ist gefragt. Damit ist nicht bezweckt, gefühllos zu werden, oder sie nicht groß und stark werden zu lassen, um sie in Schach halten zu können. Das Ziel ist vielmehr, sich von den Gefühlen überwältigen zu lassen. Wenn man zum Beispiel irgendwelche Probleme im Kopf hat, oder von starken Gefühlen umweht ist, wenn man eine der oberen Übungen machen will, kann man ruhig sagen: Ja, ihr seid da, das ist nun mal einfach so, aber deswegen müsst ihr mich jetzt nicht von der Übung abhalten, die ich machen will.– So kann man auch mit Ablenkungen verfahren, wenn sie während der Übung passieren. Wir wollen jetzt die obige Übung machen und bei Abschweifungen so verfahren!

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Was man mit dieser Übung (langfristig) lernen kann, ist ein systematischer Umgang mit Ereignissen des Leibes (Sinneswahrnehmungen aller Art) und der Seele: Man lernt sie bemerken, man lernt sich entscheiden, sie zurückzuweisen, sie an ihren Ort zu verweisen, sie im Bewusstseinsnebengrund oder –hintergrund zu lassen und die Übung fortzusetzen. Zu gegebener Zeit werden diese Ereignisse dann wieder zugelassen, dürfen sich Eintritt ins Bewusstsein verschaffen. Ziel der Übung: Es ist jederzeit das denkende Individuum, welches entscheidet, welche Wahrnehmungen und welche Gefühle ins Bewusstsein hereingelassen werden und wie weit sie sich im Leib ausdrücken dürfen.

Vierter Schritt.

Betrachtet man hier in diesem Raum die hölzerne Innenauskleidung, könnte man zum Beispiel zu dem Gedanken kommen: Wie hässlich das alles, viel zu schwulstig u.ä.

Man könnte sich aber auch denken, ohne den anderen Eindruck relativieren oder ignorieren zu wollen: Wie gut und sauber das Holz gearbeitet ist!

Bei der vierten Nebenübung, bei der es um die Positivität geht, soll das Negative, das einem auffällt, nicht geleugnet werden, sondern man soll auf die positiven Seiten und Eigenschaften achten. Diese Übung steht nun nicht in direkter Verbindung mit dem reinen Denken, aber gebraucht wesentliche Züge. Es ist bei dieser Nebenübung eine innere Aktivität gefordert, um sein Denken und seine Betrachtung in eine bestimmte Richtung zu leiten. Das reine Denken fördert diese Nebenübung beträchtlich, indem mit ihm eine Umkehrung des Willens geübt wird, wo ich mich nicht bloss von aussen treiben lasse, sondern den Lauf des Geschehens sachgemäss und selbst bestimme.

Heute nehmen wir uns zur Meditation das Begriffspaar Ganzes-Teil vor. Wenn Sie wollen, machen Sie sich zunächst wieder Vorstellungen von dem Ganzen und seinen Teilen, zum Beispiel eine Kuchen mit seinen Stücken oder abstrakter eine Kreisscheibe mit ihren gedanklichen Bestandteilen.

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Bei dieser Übung kann noch einmal deutlich werden, wie stark die inneren Zuwendung, die Liebe zum Tun, die positive Sich auf das üben sein muss, um daran festzuhalten, oder genauer, weiterzumachen und/oder immer wieder neu anzufangen.

Fünfter Schritt.

Heute beginnen wir wieder mit einer Übung, die einen reinen Gedanken in den Mittelpunkt stellt (Gesetz des Kreises, Verhältnis von Teil und Ganzem, etc.). Dabei ist es wichtig, sich jedesmal die Unbefangenheit gegenüber den bereits durchgeführten Übungen zu erhalten. Darüber hinaus soll heute die Aufmerksamkeit noch auf weitere Qualitäten der Denkerlebnisse gerichtet werden, die nicht allein die Denkinhalte selbst betreffen, sondern deren Weise des Daseins, deren Eigenart. Also versuchen wir's.

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Wenn es gelingt, die alten Vorurteile und Erinnerungen an vergangene Übungen auf die Seite zu schieben, so kann ich immer wieder unbefangen neu an die Sache herangehen, ihr bisher unbemerkte Seiten abgewinnen, mich wirklich aktuell einlassen und ihr geistesgegenwärtig zuwenden. Es lässt sich unter anderem dabei entdecken, dass man es bei Ideen mit in sich selbst gegründeten, ausserhalb von Raum und Zeit, jenseits von Entstehen und Vergehen seienden Erfahrungstatsachen zu tun hat. Es braucht eine gehörige Offenheit für ungewöhnliche Erfahrungen, wenn man sich auf diese Dimensionen des Erlebens einlassen will.

Viel Freude am wiederholten Üben.

Gregor Schneider u. Renatus Ziegler